Lässt sich berufliche Authentizität mit algorithmischer Normierung auf LinkedIn vereinbaren?
Noch vor wenigen Wochen hätte ich mir nicht vorstellen können, diesen Beitrag zu verfassen. Schon gar nicht eine eigene Webseite für eine berufliche Präsenz zu haben. Wozu auch? Ich hatte LinkedIn. Dort befand sich meine berufliche Identität, sauber sortiert nach Funktionen und Kenntnissen. Dann begann ich, mich darin immer weniger wiederzuerkennen. Gründe dafür waren:
- Datenschutzbedenken bei LinkedIn durch das Training von künstlicher Intelligenz mit Nutzerdaten;
- die Flut an KI-generierten Inhalten, die den Feed unpersönlich und eintönig machen oder mit vielen „Corporate-Floskeln“ überladen; und
- der Wechsel im Algorithmus, der den Feed immer mehr auf allgemeinen Content ausrichtet.
Und das Hamsterrad dreht sich
Ständig musste ich Teile meiner Kompetenzen in meinem Profil aussortieren, damit es ein linear ausgerichteter Algorithmus in hoffentlich die richtige Bubble einsortiert. War aber nicht der Fall.
Was dann folgte, war ein Feed, der sich innerhalb von einem halben Jahr komplett veränderte. Er füllte sich mit sinnbefreiten KI-Beiträgen und fremden Profilen, die nichts mit meinen Interessen zu tun hatten. Am unangenehmsten war aber der algorithmische Zwang, mein Profil ständig mit Keywords anzupassen und möglichst oft zu interagieren. Mindestens drei Mal pro Woche, damit der Algorithmus ein Signal bekommt. Danach beginnt das algorithmische Hamsterrad, sich zu drehen.
Normierte Authentizität auf Kosten echten Austauschs
So entstand immer mehr ein Profil, das in ein Korsett aus algorithmischen Konventionen gepresst wird. Meine digitale berufliche Identität verlor ihre Individualität, weil sie sich den starren Regeln der Social-Media-Plattform anpassen musste. Will ich Teil einer Maschinerie von Selbstmarketing werden, die Authentizität normiert? Soll mein Profil zum marktschreierischen Werbeprodukt werden, nur um ein kleines Stück Sichtbarkeit zu erlangen? Nein, danke!
Diese Fragen zeigten mir mein eigentliches Bedürfnis: den ungezwungenen und echten Austausch mit anderen Menschen. Einen Austausch, bei dem echtes Interesse an Fachthemen im Mittelpunkt steht. Einen Austausch, bei dem man einfach Mensch sein kann. Denn das vermisste ich zunehmend.
Fediverse … was?
Deshalb begann ich, nach einem passenden Online-Raum zu suchen. Nach einigen Tagen stiess ich auf das Konzept des Fediverse. Noch einmal brauchte ich ein paar Tage Zeit, bis ich verstand, dass das Fediverse ein dezentrales soziales Netzwerk ist. Statt einer einzigen Plattform wie LinkedIn bilden viele unabhängige Server gemeinsam ein vernetztes Online-Ökosystem. Das Fediverse gehört niemandem, sondern allen. Es bietet Unabhängigkeit, auch im digitalen Sein. Gibt es so etwas wirklich im Internet? Whoa!
Ich entschied mich, das Experiment Fediverse zu wagen, und war anschliessend selbst überrascht von dem, was ich tatkräftig umsetzte. Ich, die mit Sichtbarkeit „struggelt“, legte ein Profil auf Mastodon an und verifizierte es sogleich mit meiner Webseite. Ursprünglich diente diese Webseite als Substitut für LinkedIn respektive als Ergänzung für berufliche Präsenz. Nun wurde sie zu einem Raum, in dem ich weiterdenken, ausprobieren und teilen kann – all jene Gedanken, die mich als unverwechselbaren Menschen ausmachen.
Mastodon ist für mich noch ein neuer Raum, den ich erst kennenlerne. Bisher erlebe ich ihn als eine algorithmusfreie Umgebung. Ich entscheide selbst, welche Beiträge ich auswähle. In den Posts von Usern steckt eine Seele, geprägt von menschlichen Gedanken. Juhui!
Goodbye LinkedIn – Hello ‚Just me‘
Eine vergleichbare berufliche Plattform zu LinkedIn gibt es bislang noch nicht. Aber braucht es LinkedIn überhaupt? Noch behalte ich mein Profil quasi als passive Visitenkarte.
Mit der Realisierung meiner eigenen Webseite und meines Profils auf Mastodon geht es mir vor allem um die Sehnsucht nach Authentizität. Nach wirklichen Interessen und Inhalten sowie nach echter Neugier. Hier stehen diese Werte viel stärker im Vordergrund als algorithmisch gesteuerte Selbstdarstellung oder Karriereinszenierung.
Dass ich jemals eine eigene Webseite haben würde, hätte ich mir nicht vorstellen können. Ich bin professionell erkennbar, zeige aber auch meine Verbundenheit zur Natur, zu Tieren, zum Schreiben und zu fachlichen Themen. Eben all das, was mich ausmacht. Als Mensch. Als Persönlichkeit. Just me. Helga.
Am meisten überrascht mich jedoch das Gefühl, mich im Internet endlich wieder als freien Menschen wahrzunehmen, weil ich mich – zumindest teilweise – von den Vorgaben eines Algorithmus befreit habe.
Danke für’s Lesen.
Helga Bruderer 2026
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